Ein Mann, eine Entdeckung, ein Schicksal: Das Tomb of the Eagles auf den Orkney Inseln

Die Entdeckung des Tomb of the Eagles

Ein laues Lüftchen vom Meer weht an diesem Sommerabend 1958 im Süden der Orkney Inseln und streichelt mit dem salzschwangeren Geruch der See die Küste, deren Narben von den Winterstürmen noch offen liegen. Der Blick des Bauern Ronnie Simison schweift zufrieden über die felsige, schroffe Kante der Sandsteinklippen bis hinüber zu den Pentland Skerries.

Das letzte sommerliche Unwetter hat keinen allzu großen Schaden angerichtet. Dann richtet Ronnie seinen Blick suchend auf den Boden, er benötigt einen geeigneten Feldstein zur Stabilisierung eines Zaunes seiner weitläufigen Äcker, deren fruchtbarer Grund schon seit Generationen im Familienbesitz ist. Er kennt seine Scholle besser als seine Westentasche, hier an dieser mit Gras überwachsenen Geländewelle wird er meist fündig. Er stutzt, bleibt stehen und weiß in diesem Moment noch nicht, dass sein Leben genau in diesem Moment eine eingreifende Wendung erfährt.

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Fantastische Klippen mit Aussicht auf die Insel Copinsay ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Seeadler – vor 5.000 Jahren in Orkney zu Hause, heute seltene Gäste

Irgendetwas stimmt nicht. Zwischen dem Gras lugen flache Steine hervor, die hat er noch nie gesehen. Die nachhaltige Bodenerosion muss sie freigelegt haben. Adrenalin schießt in Ronnies Adern, er gräbt mit der Hand ein wenig tiefer und macht eine Entdeckung, von der viele Archäologen in ihren kühnsten Träumen fantasieren. Er befördert einige erdverkrustete Gegenstände ans Tageslicht, die sich später als Funde aus der Jungsteinzeit entpuppen werden. Nach einigen schlaflosen Nächten kehrt er an den Fundort zurück, sucht und gräbt weiter, das Steingebilde erweist sich jungsteinzeitliches Kammergrab und Ronnie findet darin zunächst 30 Menschenschädel!

So oder so ähnlich muß sich die Geschichte zugetragen haben. Der Bauer Ronnie Simison hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die Funde auf seiner Farm ans Tageslicht zu befördern, zu bewahren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutz und den professionellen Archäologen war über die Jahre nicht immer ganz einfach, aber der mittlerweile leider verstorbene Simison kann dennoch stolz sein auf sein Lebenswerk.

Gedenkstein Ronnie und Morgan Simison

Der Menhir zum Gedenken an die Entdecker des Tomb of the Eagles, Ronnie und Morgan Simison, ragt in der Nähe der Fundstelle über die Klippen mit Blick aufs Meer ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

 

Das Besucherzentrum Tomb of the Eagles

Heute befindet sich auf der Südspitze von South Ronaldsay, der südlichsten der Orkney Inseln, östlich von Burwick ein Besucherzentrum, das von den beiden Töchtern Kathleen MacLeod und Freda Norquay fachkundig geführt wird. Sie erklären dort in einer Führung alles über die beiden Bodendenkmäler, das Grab von Isbister und den Liddle Burnt Mound und die Geschichte der Ausgrabung. In dem Burnt Mound wurden in der Bronzezeit Steine im Feuer erwärmt, die danach zum Garen der Nahrung verwendet wurden.

Das ca. 5.000 Jahre alte Kammergrab von Isbister ist mittlerweile bekannter unter dem Namen „Tomb oft he Eagles“: insgesamt wurden dort mehr als 100 menschliche Schädel, 16.000 menschliche Knochen und viele Seeadler-Knochen gefunden. Man vermutet, daß der Seeadler das Totemtier der vorzeitlichen Ahnen gewesen sein muß. Bauer Simison und seine Frau Morgan fühlten sich sogleich mit den Überresten als ihren „Ahnen“ verbunden und adoptierten drei der Schädel als Familienanhang, und gaben ihnen sogar Namen: Jock Tamson, Granny und Charlie-Girl waren fortan Teil der Familie und für die beiden Töchter ist es seit ihrer Kindheit das normalste auf der Welt, daß sich Schädel und Knochen ihrer Ahnen im Haus befinden. Was dieses kleine Museum bzw. Besucherzentrum von vielen anderen Orten, an denen man auch den Spuren der Geschichte folgen kann, unterscheidet: hier darf man einige Ausgrabungs-Originale selber anfassen.

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Die Tochter des Entdeckers Ronnie Simison mit der Autorin im Besucherzentrum ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

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Stolz auf den Vater und die Familiengeschichte: Führung im Besucherzentrum ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

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„Hands on“ – hier darf man einige 5.000 Jahre alte Originale selber anfassen! ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

 

Die Besichtigung des Tomb oft the Eagles und Liddle Burnt Mound

Nach der Führung durch das liebevoll eingerichtete Besucherzentrum kann man dann eigenständig auf einem gut beschilderten Feldweg den Spaziergang zum 1,5 km entfernten Kammergrab antreten. Falls das Wetter sich wieder einmal von seiner garstigen Seite zeigen sollte, stellt das Besucherzentrum kostenlos Gummistiefel, Regenjacken und Regenhosen zur Verfügung.

Der Liddle Burnt Mound und Überreste eines Gebäudes aus der Bronzezeit befinden sich etwa auf der Hälfte der Strecke. Dem Liddle Burnt Mound würde eine live-Führung sicher ganz gut tun. Ich muß zugeben, daß mich dort das verrostete Laster-Wrack aus dem 2. Weltkrieg in den schönen grün-rost Tönen weit mehr interessiert hat. Hier kommt „Into the wild“-feeling auf, nur daß in dieser Schutzhütte nicht Christopher Candles aus besagtem Roman gehaust hat sondern Ronnie Simison die alte Kabine als Schutzhütte diente. Man kann sogar hinein schauen, aber das müßt Ihr selber tun.
Diese Exkursion lohnt sich allein schon wegen der Wanderung. Die letzten paar hundert Meter zum Kammergrab führen an der Felsküste entlang, der Blick geht bis zur Insel Copinsay. Mit ein wenig Glück sieht man Seeschwalben, Raubmöwen, Tordalken oder Eissturmvögel. In respektvollem Abstand zum Kammergrab wurde ein Menhir (standing stone) von der Familie errichtet, in Andenken an die inzwischen verstorbenen Ronnie und Morgan Simison und „die Ahnen“.

Das Kammergrab ist von außen schon eindrucksvoll : Aufgeschichtete Steine unter einem Grashügel, geheimnisvoll lockt ein niedriger Eingang. Kindlicher Entdeckergeist wird geweckt, und jugendliche Bewegungsfreiheit schadet nicht, wenn man auf den Knien ins Grab reinkriecht (Knieschoner werden bereitgestellt) oder sich für die lustige Variante mit dem rollenden Schlitten entscheidet. Ein echtes Erlebnis für Alt und Jung – aus verschiedenen Gründen.

Innen überrascht die Helligkeit – das Grabgewölbe ist durch Oberlichte relativ gut ausgeleuchtet. Die Denkmalbehörde hat vor vielen Jahren den Bau stabilisiert und abgedeckt, sonst wäre das Kammergrab schon längst unter dem beständigen Toben der Elemente verloren gegangen. Innen stehen ebenfalls Taschenlampen bereit, um die Schätze des Grabes selber entdecken zu können. Es ist schon ein besonderer Ort, in keltischen Gegenden nennt man das „a thin place“. Frühe Vögel werden damit belohnt, den Besucherscharen voraus zu sein. Ronnie und Morgan Simison wären zufrieden.

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Es gibt kein schlechtes Wetter, nur die falsche Kleidung! ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

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Little Burnt Mound: Forscher der Angewandten Archäologie haben Ronnie Simisons Thesen verifiziert ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

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Into the Wild – feeling! Das soll mal eine Schutzhütte für Besucher werden. ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

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Frontalansicht vom Tomb of the Eagles. ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

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Erlebnis auf dem Rollschlitten – Besichtigung mit Körpereinsatz: der Ein- und Ausgang vom Tomb of the Eagles ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

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Innenansicht vom Tomb of the Eagles: Gute Ausleuchtung durch Dachfenster ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

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Ob es wohl so war? Das Tomb of the Eagles beflügelt die Fantasie. Inszenierte Szene.

Für den Rückweg lohnt es sich, direkt am Kliff entlang zu gehen, in der Bucht Ham Geo sind schon auch mal Seehunde zu beobachten. Vielleicht entdeckt man sogar auch am Wegesrand die seltene kleine Blume „Scottish Primrose“?

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Ein Vergnügen bei gutem Wetter: der Spaziergang oberhalb der Klippen ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

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Ausblick während des Spaziergangs oberhalb der Klippen ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

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Ronnie Simison und ein Seeadler. Er vermutet, die Seeadler seien das Totemtier seiner Ahnen.

Während eines Urlaubs auf den Orkneyinseln sollte man für einen Besuch des „Tomb of the Eagles“ mindestens 2 Stunden einplanen. In der Regel ist von März bis Oktober geöffnet, in der Nebensaison nach Absprache.

Aktuelle Informationen und Anreise:
www.tomboftheeagles.co.uk

Die Orkneyinseln im hohen Norden Schottlands eignen sich optimal als Abstecher für den Roadtrip #NorthCoast500.

Wir wurden vom Tomb of the Eagles bei der Erstellung dieses Beitrages unterstützt.

Noch mehr aus der Vergangenheit? Hier geht es zum Beitrag über die sensationellen Ausgrabungen der „Steinzeitkathedrale“ am Ness of Brodgar auf den Orkneys.

© Foto und Texte: Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

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4 Comments

  • Jutta sagt:

    Liebe Sabine, ich beneide dich ja wirklich um diese tollen Erfahrungen: die Orkeney Inseln! Ich glaube je entlegener, je unwegsamer, je nördlicher die Orte liegen, desto reizvoller sind sie gerade für mich. Ich mag das Schroffe. Eine spannende Geschichte dazu. Es ist schön, wenn hinter solchen Stories auch ein Gesicht steht wie hier das von Ronnie Simison. Bin beeindruckt. Und neugierig auf die nächste Geschichte! Liebe Grüße, Jutta

  • Sabine sagt:

    Liebe Jutta,
    ich kann Dir nur zustimmen: nördlich, abgelegen, unwegsam – und am liebsten eine Insel! Ich mag das auch sehr und habe noch viele Geschichten auf Lager. Und ich freue mich sehr, daß Du so eine begeisterte Leserin geworden bist. Danke dafür.
    Liebe Grüße, Sabine

  • inka sagt:

    Die Orkneyinseln, wie super schön!
    Und ein kurzweiliger Bericht mit schönen Fotos, da möchte ich sofort losfahren.
    Liebe Grüße
    /inka

  • Sabine sagt:

    Liebe Inka,
    vielen Dank! Und das ist erst der Anfang der Berichtreihe über die Orkneyinseln!
    Liebe Grüße,
    Sabine

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