Wild Thing – you make my heart sing – Total #folked auf dem Orkney Folk Festival

– Ein Reisebericht vom Orkney Folk Festival. Lohnt es sich, die weite Anreise zu den Orkney Islands auf sich zu nehmen? Alles über Kartenverkauf, Spielstätten, Veranstaltungsformate, Pub Sessions, Musiker, Atmosphäre und Unterkünfte.

Ich bin kein großer Fan von typischer Folkmusic, ich mag auch keine Großveranstaltungen und schon gar keine großen Musikfestivals von denen man einen mittelschweren Gehörschaden mit nach Hause nimmt. Ich bin also auf dem Orkney Folk Festival genau richtig!

Das Orkney Folk Festival

Auf dem abgelegenen Archipel der Orkneyinseln hoch im Norden Schottlands findet seit mehr als 30 Jahren das Orkney Folk Festival statt. Ein schöner Anlass, einen Urlaub auf den Orkney Inseln mit einem schottischen Musikerlebnis zu verbinden. Jeweils im Mai rund um Pfingsten, denn am Pfingstmontag ist ein offizieller Feiertag (Bank Holiday), der eignet sich dann optimal für die lange Heimreise. Die 4 Tage zwischen dem Beginn am Donnerstag und dem Ende am Sonntag sind prädestiniert dafür, ein Reise- und Musikerlebnis der Sonderklasse zu schaffen.

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OFF by travelstories-reiseblog.com ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Ein 12 köpfiges Organisationskomitee sorgt gemeinsam mit 100 Ehrenamtlichen sowie 14 Audio- und Lichttechnikern dafür, dass die 55 Auftritte ein Vergnügen für das Publikum werden. 2015 konnte das Orkney Folk Festival seinen 6.000 Besuchern Konzerte, Ceilidhs, Clubs, Pub Sessions, Workshops, Vorträge und noch einiges mehr bieten.

Und es ist genau diese Mischung und Bandbreite der Veranstaltungen die dieses Festival von anderen unterscheidet und so sympathisch macht. Lokale Orkney-Musikerinnen wie die Fiddlerin Fiona Driver, die Sängerin Jo Philby oder die Gruppe Haltadans aus Shetland begeistern das Publikum genauso wie Folk Superstar Sharon Shannon aus Irland, Dallahan, Barrule von der Isle of Man oder The Nordic Fiddlers Bloc.

Sharon Shannon beim Orkney Folk Festival 2015 - Opening Concert ©Sabine Mey-Gordeyns

Sharon Shannon beim Orkney Folk Festival 2015 – Opening Concert ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

An der beeindruckenden Vielfalt der Musiker und Musikerinnen kann man schon sehen, dass das Orkney-Archipel musikalisch nutzt, was früher – bis zurück in die Jungsteinzeit – auch schon ein Vorteil war: die zentrale Lage! Seit Urzeiten wanderte die Musik und die Barden schon auf den Spuren der Händler und Pilger auf dem Seeweg und Orkney war schon immer ein maritimer Knotenpunkt in der Mitte von allem.

Zugegeben, von München, Wien oder auch Hamburg ist der Weg zu den Orkneyinseln immer noch weit. Es kann nur an dieser Entfernung liegen, dass wir kaum Deutsche oder Niederländer hören oder sehen, die doch an vielen anderen Destinationen omnipräsent erscheinen.

Jo Philby Band beim Orkney Folk Festival 2015 - Festival Club ©Sabine Mey-Gordeyns

Jo Philby Band beim Orkney Folk Festival 2015 – Festival Club ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Es fällt also schwer, aus der Fülle des Angebotes diejenigen Veranstaltungen herauszusuchen, die einem gefallen könnten. Im Folgenden bieten wir einen kleinen Erfahrungsbericht zum Orkney Folk Festival, der Wenn man – so wie wir – nicht unbedingt eine Kenner der Folk-Szene ist, bleibt einem nichts anderes übrig, als entweder auf gut Glück Karten zu bestellen, oder sich durch das Line Up – die Ankündigung der auftretenden Musiker- auf der Webseite des Orkney Folk Festival durchzuklicken. Damit kann man einige vergnügliche Abende verbringen. Wem beides nicht liegt, für den haben wir ein paar generelle Tipps, die die Qual der Wahl erleichtern helfen und berichten über eigene Erlebnisse.

 

Video vom Orkney Folk Festival

Hier gibt es schon einmal eine kleine Video-Kostprobe aus den Konzerten vom Orkney Folk Festival:

 

Spielstätten und Veranstaltungsorte beim Orkney Folk Festival

Das Epizentrum des Orkney Folk Festival liegt in Stromness. Dort finden die meisten Konzerte und Pub Sessions statt. Es gibt auch Konzerte in Kirkwall, verstreut über Orkney Mainland oder auf den Inseln Westray und Sanday. Die Konzerte auf den Inseln erfordern eine Fährpassage sowie eine Übernachtung.

Inoffizielles Zentrum des Orkney Folk Festival: Stromness Hotel. Alles Vintage. Aber echt! ©Sabine Mey-Gordeyns

Inoffizielles Zentrum des Orkney Folk Festival: Stromness Hotel. Alles Vintage. Aber echt! ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

 

Das Opening Concert beim Orkney Folk Festival

Das Opening Concert am Donnerstag in Stromness lohnt sich immer, hält es doch bereits den ersten Gänsehaut-Moment bereit: Die Stromness RBL Pipe Band eröffnet traditionell das Orkney Folk Festival und marschiert in vollem Ornat lautstark und stolz in der Stromness Town Hall ein. Als Town Hall dient eine ehemalige Kirche, die zum Veranstaltungszentrum umfunktioniert wurde.

Drei Top-Acts geben Kostproben ihres Könnens. In unserem Fall waren das Sharon Shannon, Tim Edey und The Nordic Fiddlers Bloc. Vor allem gibt es aber auch den bei Einheimischen überaus beliebten „Raffle“ – eine Verlosung, bei der von Highland Park Whisky bis hin zu Orkney Folk Festival-Merchandise und CDs der mitwirkenden Musiker alles Mögliche gewonnen werden kann. Gute Stimmung ist garantiert.

Bob Gibbon, Festival Director vom Orkney Folk Festival in der Town Hall von Stromness ©Sabine Mey-Gordeyns

Bob Gibbon, Festival Director vom Orkney Folk Festival in der Town Hall von Stromness ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Tim Edey beim Orkney Folk Festival 2015 - Opening Concert ©Sabine Mey-Gordeyns

Tim Edey beim Orkney Folk Festival 2015 – Opening Concert ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

The Nordic Fiddlers Bloc beim Orkney Folk Festival 2015 - Opening Concert ©Sabine Mey-Gordeyns

The Nordic Fiddlers Bloc beim Orkney Folk Festival 2015 – Opening Concert ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Festival Club beim Orkney Folk Festival

Die Festival Clubs sind für mich der strahlende Diamant am Orkney Folk Festival-Himmel. Man nehme: eine intime Lokation in einem etwas morbiden Hotel, einen kleinen Saal, der den Charme vergangener Zeiten atmet und in den maximal 100 Menschen passen. Stuhlgruppen mit Tischchen, auf denen man sein Getränk platzieren kann – wie in einem Club. Wenn man rechtzeitig dort ist und sich einen Platz ganz vorne sichert, ist man quasi auf Tuchfühlung mit den Musikern. Und dann geht’s ab.

Festival Club: der späte Anfang um 22.30 Uhr ist für uns eine Herausforderung! ©Sabine Mey-Gordeyns

Festival Club: der späte Anfang um 22.30 Uhr ist für uns eine Herausforderung! ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Die intime Atmosphäre beim Festival Club - selten ist man so nah dran! ©Sabine Mey-Gordeyns

Die intime Atmosphäre beim Festival Club – selten ist man so nah dran! ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Die Jo Philby Band eröffnet den Abend und man merkt deutlich, dass die Band in genau dieser Konstellation noch nicht so oft gespielt hat. Jo Philby überzeugt auf jeden Fall mit ihrer charaktervollen Stimme und ihren eigenen Songs die in die Tiefe gehen wie „Reflected in his eyes – the story of his life“.

Olav Luksengård Mjelva aus Norwegen, Mitglied des Nordic Fiddlers Bloc, mit seiner Hardanger Fiddle beim Festival Club ©Sabine Mey-Gordeyns

Olav Luksengård Mjelva aus Norwegen, Mitglied des Nordic Fiddlers Bloc, mit seiner Hardanger Fiddle beim Festival Club ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Dann betreten die drei virtuosen Geiger vom Nordic Fiddlers Bloc die Bühne: Anders Hall aus Schweden, Kevin Henderson aus Shetland und Olav Luksengård Mjelva aus Norwegen. Sie geben Kostproben der Musiktraditionen dieser nördlichen Länder und erteilen dem Publikum vor allem eine Lektion in nordischem männlichen Humor.

Langsam entfalten sich die kurzen Geschichten oder feinen Witze zwischen den Stücken und die gegenseitigen Beleidigungen sind als Zeichen tiefen Respekts voreinander zu verstehen. Kleine Kostprobe gefällig? Lars (S) über Olav (N) „Nein, er kann gar nicht Geige spielen, guck doch mal! Mit seiner schicken Hardanger Fiddle und wie er aussieht: typisch playboy fiddler!“ Kevin (Shetland) „Es gab mal einen Shetlander, der war so verliebt in seine Frau, er hätte es Ihr beinahe gestanden!“ Man muß sich schon einlassen können darauf. Wenn man das kann, dann ist es umwerfend komisch und man merkt: die Jungs lieben sich innig.

Und sie spielen herzzerreißend: ihre Version von „Midnight on the water“ ist ergreifend, die Interpretation des traditionellen Shetland Liedes „Da Greenland Mans Tune“ musikalisch spannend und die Performance der „Polska from Delsbo“, die auf einem schwedischen Volkslied basiert strapaziert die Lachmuskeln, wenn Kevin und Lars auf der Bühne fast kopulieren, um zu zeigen, was verboten war. Endlich wissen wir, dass schwedische Polka die Antwort auf Lambada ist.

Dallahan beim Orkney Folk Festival 2015 - Festival Club ©Sabine Mey-Gordeyns

Dallahan beim Orkney Folk Festival 2015 – Festival Club ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Kurze Umbaupause. Jetzt kommt Dallahan! Im Mai 2015 spielen sie mal gerade eineinhalb Jahre zusammen und mischen die Szene der traditionellen Folkmusik seitdem ganz schön auf. Ihre eigenwilligen Arrangements basieren auf irischer traditioneller Musik, beziehen aber Elemente aus der Klassik, dem Jazz, der Balkanmusik und keltischen Einflüssen mit ein.

Jack Badcock, Jani Lang, Ciarán Ryan, Paddy Callaghan und Balázs Hermann kreieren miteinander einen wirklich neuen, interessanten und mitreißenden Sound, der einen kaum auf den Clubstühlen hält. Besonders sympathisch finde ich, dass auf Äußerlichkeiten noch nicht so viel Wert gelegt wird: das Smartphone beult die Hosentaschen wirklich unansehnlich aus, besonders gern tragen die Jungs uncoole grobe Schnürschuhe und man möchte ihnen eigentlich die Schnürsenkel binden, damit sie nicht stolpern. Wir werden noch hören von ihnen, da bin ich mir sicher.

Einziger Wermutstropfen des Konzepts „Festivalclub“ ist die späte Anfangszeit um 22.30 Uhr – es ist weit nach Mitternacht, bevor das Konzert vorbei ist.

 

Insider-Tipp: Pub Sessions beim Orkney Folk Festival

Das i-Tüpfelchen des Orkney Folk Festival! Es soll ja Besucher geben, die keine einzige Konzertkarte kaufen, weil sie der Meinung sind, dass in den Pubs genug Musik geboten wird. Und so unrecht haben diese Insider gar nicht: ab etwa mittags wird täglich gejammt in Stromness in der Hamnavoe Lounge des Stromness Hotel, im Ferry Inn und in der Bar des Royal Hotel. Es soll noch weitere Pubs geben, die hat mir aber bisher noch keiner verraten und im Programmheft stehen sie auch nicht!

In der Bar "Hamnavoe Lounge" vom Stromness Hotel - Pub Session am Sonntag. ©Sabine Mey-Gordeyns

In der Bar „Hamnavoe Lounge“ vom Stromness Hotel – Pub Session am Sonntag. ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Pub Session während des Orkney Folk Festval im Royal Hotel ©Sabine Mey-Gordeyns

Pub Session während des Orkney Folk Festval im Royal Hotel ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Sonntagmittags beispielsweise treffen sich traditionell die Einheimischen im Stromness Hotel, dann packt Fiona Driver ihre Geige aus und gesellt sich zum Silberschmied und Musiker Roger Philby an der Bodhran, dazwischen sitzen mittlerweile leicht grünlich im Gesicht und völlig übermüdet tapfer die Jungs von Dallahan. Die Festivalorganisation plant die professionellen Musiker für die Pub-Sessions ein, damit sie das gemeinsame Musizieren, an dem theoretisch jeder teilnehmen kann, in Gang bringen.

In der Bar "Hamnavoe Lounge" vom Stromness Hotel ist es während des Orkney Folk Festivals nur zwischen 8 Uhr morgens und 12 Uhr mittags ruhig. ©Sabine Mey-Gordeyns

In der Bar „Hamnavoe Lounge“ vom Stromness Hotel ist es während des Orkney Folk Festivals nur zwischen 8 Uhr morgens und 12 Uhr mittags ruhig. ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Mittelpunkt der Pub-Sessions ist, wir ahnen es schon, die Hamnavoe Lounge im Stromness Hotel: hier wird bis morgens um 8 Uhr durchgespielt bis der Boden bebt. Ab Mitternacht sind hier jedoch nur Musiker zugelassen, alle anderen werden rausgeschickt. Im Stromness Hotel sollte man also während des Orkney Folk Festival nur dann absteigen, wenn man gar nicht so viel schlafen möchte.

Und sonst so?

Gibt es auch noch allerlei anderes. Z.B. die Ceilidhs, bei denen nach den Konzertelementen Tanzbands auftreten und die Orcadians gemeinsam mit Besuchern das keltische Tanzbein schwingen. Die RBL Stromness Pipe Band gibt sich jeweils Samstags in Stromness die Ehre.

Die Stromness RBL Pipe Band spielt am Stromness Pier Head auf. ©Sabine Mey-Gordeyns

Die Stromness RBL Pipe Band spielt am Stromness Pier Head auf. ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

 

Die Stromness RBL Pipe Band spielt am Stromness Pier Head auf. ©Sabine Mey-Gordeyns

Die Stromness RBL Pipe Band spielt am Stromness Pier Head auf. ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Oder es gibt Workshops und Songclubs und weitere Sonderveranstaltungen beim Orkney Folk Festival auf den Orkney Islands. In einer solchen Sonderveranstaltung sind wir auch gewesen, das Thema war einfach zu reizvoll. Eine Art Multimedia-Show von Mike Vass.

Mike Vass – In the Wake of Neil Gunn in der Stromness Academy beim Orkney Folk Festival

2013 lag der Musiker und Komponist Mike Vass mit einer schweren Lyme Borreliose im Spätstadium viele Wochen lang im Krankenhaus. Eine seiner Lektüren war: „Off in a Boat“ vom Autor Neil Gunn. Neil Gunn kündigte 1937 seinen sicheren Job beim Zoll in Inverness, um sich fortan vollständig seiner Entwicklung als Schriftsteller zu widmen. Kreative Inspiration wollte er auf einer Seereise auftun. Er verkaufte sein Haus, erwarb ein Boot, segelte an der wilden schottischen Westküste entlang und veröffentlichte ein Jahr später „Off in a boat“.

Mike Vass nahm sich Neill Gunn zum Vorbild und beschloss, nach seiner Genesung “Im Sog von Neill Gunn” diese Reise nachzuvollziehen und die Probe aufs Exempel zu machen: würde eine Segeltour entlang der schottischen Westküste auch in ihm den kreativen Funken für ein neues Musikalbum erneut entzünden?

Mike Vass beim Orkney Folk Festival 2015 in der Stromness Academy ©Sabine Mey-Gordeyns

Mike Vass beim Orkney Folk Festival 2015 in der Stromness Academy ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Die Stromness Academy versprüht den spröden Charme einer Turnhalle. Mike Vass verzaubert diesen Spielort mit seiner musikalischen Poesie. ©Sabine Mey-Gordeyns

Die Stromness Academy versprüht den spröden Charme einer Turnhalle. Mike Vass verzaubert diesen Spielort mit seiner musikalischen Poesie. ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Im Mai 2014 legte er mit einer kleinen Crew von der Insel Skye ab und traf sich unterwegs in Häfen mit anderen Musikern. In der Vorstellung sagt er, er wollte mit diesem Album u.a. „die wesentliche Einsamkeit des menschlichen Daseins“ vertonen. Und so ist auf dieser Entdeckungs- und Genesungsreise ein sehr interessantes Album entstanden, nachdenklich, schöpferisch und sehr poetisch.
In dem Konzert arbeitet Vass mit zwei weiteren Musikern zusammen, narrative Sequenzen wechseln ab mit Musikstücken, die teilweise durch Bild- oder Filmmaterial auf einer leider viel zu kleinen Leinwand mit einem leider viel zu schlechten Projektor gezeigt werden. Macht nix, so hoch im Norden gehört Improvisation zum Alltag.

Aber schon die Ouvertüre, die das musikalische Thema des Albums vorstellt „Settled in Clay“ verzaubert mich sofort und ich lasse mich gerne ein auf diese musikalische Reise entlang der schottische Westküste und hinein ins menschliche Sein. In „Fused Dark“ wird das Aufkommen eines Sturms simuliert und Sturmwarnungen aus dem Funkverkehr in die Musik eingeblendet. „Cold Iron“ – „Kaltes Eisen“ ist ein interessanter Song, der die Wahrnehmung unter Deck im Kiel des Segelbootes in Musik umsetzt und gleichzeitig auf den Aberglauben der Seeleute anspielt. Redmond O’Hanlon beschreibt in seinem Roman „Trawler“ meisterhaft, wie gestandene Seebären bei Panik „Cold Iron“ brüllen dass es ins Mark geht und mit ihrer Hand schnell Schiffsmetall berühren, um das Böse abzuwenden.

Zitierte Quellen: Buch „Off in a Boat“ – A Hebridean Voyage von Neil Gunn und CD “In The Wake of Neil Gunn” von Mike Vass

 

Tagsüber lohnt sich ein Spaziergang von Stromness am Meer entlang zum Ness Point. ©Sabine Mey-Gordeyns

Tagsüber lohnt sich ein Spaziergang von Stromness am Meer entlang zum Ness Point. ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

 

Das Farewell Concert beim Orkney Folk Festival

Das Farewell-Concert schließt am Sonntag das Orkney Folk Festival ab und ist mittlerweile so beliebt, dass es zwei davon gibt, beide in Stromness. Wer am Ende des Orkney Folk Festival immer noch denken sollte, die nördlichen Völker zeichneten sich durch eher zurückhaltende Persönlichkeiten aus, wird allerspätestens hier vom Gegenteil überzeugt. Eine sorgfältig zusammengestellte Auftritts-Dramaturgie sorgt dafür, dass diese eher verborgenen Charakterzüge zum Vorschein kommen dürfen.

The Lowland Linties aus Schottland eröffnen den Reigen mit eher ruhigen a capella Songs.
Danach gibt es etwas sehr Lustiges: The New Rope String Band, die von der Zeitung „The Scotsman“ das Etikett „inspired madness“ (inspirierte Tollheit) verpasst bekommen hat. Die Verkleidung der drei Männer, die nun die Bühne betreten, ist so kunstvoll, dass man sich nicht sicher ist, ob es eine Verkleidung oder einfach nur schlechter Geschmack ist. Und dann beginnt eine musikalische Unterhaltungsshow der Sonderklasse, die ich nur mit der Vorstellung der sehr jungen Blue Man Group in ihren Anfängen 1992 vergleichen kann, als sie noch in einem kleinen Keller in New York spielten und das Publikum zu ihrem Spiel auf Plastikröhren ausflippte.

The New Rope String Band beim Orkney Folk Festival 2015 in der Town Hall von Stromness - Farewell Concert ©Sabine Mey-Gordeyns

The New Rope String Band beim Orkney Folk Festival 2015 in der Town Hall von Stromness – Farewell Concert ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

The New Rope String Band beim Orkney Folk Festival 2015 in der Town Hall von Stromness - Farewell Concert ©Sabine Mey-Gordeyns

The New Rope String Band beim Orkney Folk Festival 2015 in der Town Hall von Stromness – Farewell Concert ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

The New Rope String Band beim Orkney Folk Festival 2015 in der Town Hall von Stromness - Farewell Concert ©Sabine Mey-Gordeyns

The New Rope String Band beim Orkney Folk Festival 2015 in der Town Hall von Stromness – Farewell Concert ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Es folgt der Auftritt der hellhäutigen, rothaarigen keltischen Schönheit Hannah Rarity, die mit ihrer Stimme das Publikum wieder auf ganz andere Weise gefangen nimmt. Man kann eine Stecknadel fallen hören, so sehr zieht sie ihre Zuhörer sirenengleich in den Bann.

Hannah Rarity beim Orkney Folk Festival 2015 in der Town Hall von Stromness - Farewell Concert ©Sabine Mey-Gordeyns

Hannah Rarity beim Orkney Folk Festival 2015 in der Town Hall von Stromness – Farewell Concert ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Beim Nordic Fiddlers Bloc fehlt einer, macht auch wieder nix, da wird dann halt nach zwei Songs schnell mit den Kumpels der Shetland-Gruppe Haltadans gespielt.
Schließlich betritt eine Band die Bühne, deren Frontmann schwer an Lucky Luke mit Stepptanzschuhen erinnert: schlaksig, dünne Beine, lässiger Gang, Hut auf dem Kopf. Der völlig aufgekratzte Gordie MacKeeman aus Kanada gibt mit seiner Band eine Mischung aus Bluegrass, Western Swing, Celtic und Scottish country Dance zum Besten. Er steppt und hibbelt gleichzeitig an seiner Fiddle herum um dann auch noch unter dem Gejohle des Publikums auf den Bass zu hüpfen!

Gordie MacKeeman and his Rhythm Boys aus Kanada beim Orkney Folk Festival 2015 in der Town Hall von Stromness - Farewell Concert ©Sabine Mey-Gordeyns

Gordie MacKeeman and his Rhythm Boys aus Kanada beim Orkney Folk Festival 2015 in der Town Hall von Stromness – Farewell Concert ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Ward Thomas beim Orkney Folk Festival 2015 in der Town Hall von Stromness ©Sabine Mey-Gordeyns

Ward Thomas beim Orkney Folk Festival 2015 in der Town Hall von Stromness ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Grand Finale beim Orkney Folk Festival 2015 in der Town Hall von Stromness ©Sabine Mey-Gordeyns

Grand Finale beim Orkney Folk Festival 2015 in der Town Hall von Stromness ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Daraufhin betritt das noch sehr junge Zwillings-Duo Catherine and Lizzy Ward Thomas die Bühne und zwitschert u.a. mit zwillingshaft aufeinander eingespielten Stimmen „A town called Ugley“. Nachdem dann alle Musiker und Musikerinnen des Abends für den gemeinsamen Abschlussauftritt die Bühne betreten haben stimmt Tim Dalling von der New Rope Stringband „Wild Thing“ an. Arme fliegen in die Luft, das Publikum skandiert „Wild Thing!!“ und es dauert nicht lange, bis es einen Buben aus dem Publikum nicht mehr auf seinem Sitz hält, er entert die Bühne und brüllt „Wild Thing!!!!“ ins Mikro – und dann gibt es fürs Publikum auch überhaupt kein Halten mehr:

Wild thing – you make my heart sing !!! dröhnt es wie mit einer Stimme aus der Town Hall die wie eine Kirche aussieht durch den Nieselregen in Stromness.

 

Praktische Informationen zum Orkney Folk Festival

Das nächste Orkney Folk Festival:
36. Orkney Folk Festival: Ende Mai 2018
Webseite: http://www.orkneyfolkfestival.com

Achtung, nicht wundern: Die Informationen für das jeweils nächste Jahr werden immer erst sehr spät zur Verfügung gestellt. Auch das Programm steht meistens erst im April fest.
Wie bekomme ich Tickets für das Orkney Folk Festival
Die Tickets können erst drei Wochen vor Beginn des Festivals bestellt werden.
Patrons“ (so eine Art Förderer) können sich ihre Eintrittskarten bereits ab Mitte April sichern. Eine Patronage für das Orkney Folk Festival kostete 2015 20 £. Neben dem Vorrecht, die Tickets vorab zu bestellen, erhalten Patrons auch 30% Ermäßigung auf die Anreise mit einer NorthLink Fähre. Das Konzept ist also durchaus lohnenswert, besonders wenn man mit dem eigenen Auto anreisen sollte oder besonders beliebte Veranstaltungen buchen möchte (wie das Opening Concert, Farewell Concert, Festval Clubs oder Ceilidhs).

Unterkunft beim Orkney Folk Festival
Da die meisten Veranstaltungen wie oben beschrieben in Stromness stattfinden, ist es ratsam, sich rechtzeitig im Voraus um eine Unterkunft in Stromness zu bemühen.
Rund um das Stromness Hotel oder Royal Hotel geht es in dieser Zeit Tag und Nacht recht lebhaft zu, ein paar Straßen weiter kann es aber auch schon wieder sehr ruhig sein. Je näher man seinen Übernachtungsplatz am Fähranleger wählt, desto besser kann man sich vom tiefen Brummen der nachts durchlaufenden Dieselmotoren der MS Hamnavoe in den Schlaf lullen lassen.

Stromness hat auch einen von der Gemeinde betriebenen Campingplatz in ca. 15 Minuten Laufabstand vom Stromness Hotel: Die „Point of Ness Caravan & Camping Site“ liegt traumhaft auf einer Landzunge mit fantastischen Ausblicken aufs Meer und gnadenlos dem Wind ausgelieferten Stellplätzen. Defender-Liebhaber aufgepasst: Ein Afrika-geeignetes Dachzelt ist hier gar keine gute Idee, das wird einfach davon geblasen. Für Zelte gibt es einige wenige geschützte Plätze.
Weiterhin ist der Platz einfach ausgestattet und hat nur wenige Stromanschlüsse. Auch hier empfiehlt sich für die Zeit des Orkney Folk Festival rechtzeitige Reservierung. Bei Überfüllung des Platzes werden die Camper an einen provisorischen Notplatz am Sportzentrum verwiesen.

Die Orkney Islands im hohen Norden Schottlands eignen sich für einen Abstecher beim Roadtrip #NorthCoast500.

Das Orkney Folk Festival hat uns bei unseren Recherchen unterstützt.

Buchtipp Reiseliteratur für die Orkney Inseln: George Mackay Brown „Ein Sommer in Greenvoe“

© Foto und Text: Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

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Du magst gerne echte Musik, vielleicht sogar unplugged? Dann interessiert Dich vielleicht auch der Beitrag über „Aufgspuit“ in Bayern. Wem es während des Festivals im Stromness Hotel für ein Dinner zu unruhig ist, kann sein Glück im Restaurant Ferry Inn probieren.

In Verbindung bleiben? Gerne!

 

12 Comments

  • Jutta sagt:

    Hallo Sabine, wow, der Bericht macht so richtig Lust, gleich zum nächsten Festival zu fahren! Du hast die Atmosphäre durch deine Erzählung und die Bilder wahnsinnig gut transportiert. Ich glaube 2017 schreibe ich mir gleich einmal in den Kalender. In diesem Jahr wird es wohl nichts. Ich bin übrigens auch kein Fan von Großveranstaltungen. Ich habe es gerne überschaubar und eben intimer. Da hat man das Gefühl mittendrin zu stecken. Toll, gefällt mir sehr! Liebe Grüße, Jutta

  • Sabine sagt:

    Dann ist das Orkney Folk Festival für Dich genau das Richtige, Jutta! Sonnige Grüße, Sabine

  • Dein Video habe ich von Anfang bis Ende angeschaut. Die Pub Sessions sind ganz unser Ding. Und die Musik sowieso. Das Orkney Folk Festival könnte uns auch gefallen.

  • Sabine sagt:

    Das Orkney Folk Festival würde euch sicherlich gefallen – und es gibt auf den Orkney Islands noch so viel mehr zu entdecken!

  • Andreas sagt:

    Hallo Sabine,

    die Orkneyinseln hab ich im Norden gestreift als ich mit der Fähre Richtung Island unterwegs war. Das ist ja eine ziemlich rauhe und windige Gegend. Das Orkney Folkfestival hast du sehr gut in Szene gesetzt. Die Menschen, die Musik und die Landschaft sind besonders. Dein Blogartikel macht richtig Lust einmal dorthin zu fahren.

    Andreas

  • Sabine sagt:

    Hi Andreas,
    das stimmt, man kommt dort vorbei – und an den Shetland Islands auch!! Früher hat die Smyril Line sogar einen Stop auf den Shetland Islands eingelegt, der jedoch leider eingestellt wurde. Es freut mich, dass ich Dich mit meinem Blogartikel neugierig machen konnte, Andreas. Wir waren schon das 2. Mal auf den Orkneys und es war sicher nicht das letzte Mal. Sonnige Grüße, Sabine

  • Antje sagt:

    Es scheint in Schottland ja einiges mehr zu entdecken geben als Whisky. Kommt mit auf meine Reise-Wunschliste.

  • Wir sind ja nicht so die Indoorer. Gibt es auch Outdoor-Konzerte und habt ihr eines besucht? Eure Fotos erwecken auf jeden Fall den Eindruck, dass man dort auch schöne Outdoor-Aktivitäten machen kann, um zwischendurch die Ohren etwas zu kühlen.

    Wir haben bisher nur Dublin einen Wochenendbesuch abgestattet und auch dort haben uns die Pub-Besuche schon gut gefallen. Orkney muss sich hier aber wie es scheint auch nicht verstecken.

    Viele Grüße Silke und Thomas

  • Sabine sagt:

    Unbedingt, Antje! Und „Orkney Food & Drink“ ist ein Thema, welches Dir sicherlich gefallen würde. Ein Beertatsing in der Orkney Brewery ist auch nicht zu verachten: da gibt es z.B. Puffinbeer: Papageitaucherbier, Überraschung!!

  • Sabine sagt:

    Einige Konzerte des Orkney Folk Festivals finden tatsächlich draußen statt, z.B. wenn die Stromness Pipe Band ihre obligatorische Runde zwischen Hafen und Stromness Hotel dreht. Es gibt aber auch tolle Wanderungen, bei denen man sich „die Ohren kühlen“ kann, wie Du es so schon ausdrückst. Herzlich, Sabine

  • Jojp sagt:

    Ein sehr schöner Artikel. Ich bin sowieso absoluter Festival-Fan !

  • Sabine sagt:

    Danke!

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