Eine mißhandelte Geige, das Nordlicht und der Sound der Orkney Inseln : Die Musikerin Fiona Driver

An der Telefonzelle rechts zum Cottage

– Die Wegbeschreibung zu ihrem kleinen Cottage auf Orkney Mainland, der größten der 70 Orkney Inseln im hohen Norden Schottlands, ist gewöhnungsbedürftig für Großstädter. Mit einem Navigationssystem kommt man hier nicht weit – Wegmarken funktionieren hier anders. Hier haben die Häuser Namen, nicht die Straßen. Das ist auch nicht notwendig, denn hier weiß sowieso jeder, wer wo mit wem wohnt.

Wir folgen den Anweisungen, die wir per email empfangen haben: fahren durch dieses Dorf, biegen an jener Wegkreuzung ab, orientieren uns an Briefkästen, Trockensteinmauern, einem Friedhof und einem roten Telefonhäuschen – hier gibt es sie noch – und zwar funktionsfähig!

Es stürmt und regnet seit Wochen. Kaum aus dem Auto ausgestiegen, treibt uns der Nordwestwind vor sich her direkt in das kleine Cottage hinein. Wir entledigen uns erst der nassen Klamotten und der Schuhe, bevor wir uns gegenseitig angemessen begrüßen.

Fiona Driver

Fiona Driver lebt auf den Orkney Inseln ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Vor uns steht Fiona Driver, modisch gekleidet, das lange Haar aufgesteckt, natürliche und ungeschminkte 35 Jahre strahlen uns an, die Wolljacke in kräftigem rot unterstreicht das unaufdringlich-energische Auftreten das sich zugleich auch sehr sanft anfühlt. Völlig unversehens sitzen wir dann in der Wohnküche und trinken zu dritt Roibuschtee, draußen zerrt der Wind an den Fenstern und der horizontale Sprühregen versperrt die Sicht nach draußen. Schade, sonst könnte man vielleicht die Orkney Vole (eine ausschließlich auf Orkney beheimatete Wühlmaus) sehen, die die Leibspeise des äußerst seltenen und bedrohten Hen Harrier (Kornweihe) ist.
Innen herrscht eine geordnete Ruhe, die durch das regelmäßigende Ticken einer Uhr noch unterstrichen wird.

Wie ich Fan von Fiona Driver wurde

Wir sind sofort mitten im Interview. Ich gestehe Fiona, dass ich sie schon seit 5 Jahren kennen lernen möchte, damals habe ich sie bei meinem ersten Orkney Folk Festival gesehen. Sie hatte mich derzeit mit ihrer „Fiddle“ wie man eine Geige in der Folkmusic-Szene nennt, bei einem Konzert sofort verzaubert. Ich habe mir nach dem Konzert ihre CD „Orkney Fire“ gekauft, darauf spielt sie ihre eigenen Kompositionen – seitdem bin ich Fan. Ich freue mich sehr, dass es 2015 dann endlich so weit war, dass wir ein zweites Mal den weiten Weg nach Orkney zurücklegen konnten und wir hier nun tatsächlich bei ihr am Küchentisch sitzen. Als Musikerin hat sie Sinn für Dramaturgie und beginnt gleich mit einem Paukenschlag.

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Seit 5 Jahren Fan von Fiona Driver: die Autorin ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

 

Fiona Driver’s Weg zur Musik

„Im Februar 2014 habe ich eine Decke genommen und mich nachts mitten auf die Landstraße vor meinem Haus gelegt. Der Himmel stand in weiss-grünen Flammen. Ein Nordlicht, so stark wie nie zuvor, mäanderte in weitausuferndem Schlingern über den Himmel. Wir sehen hier öfter Polarlicht, aber so intensiv ist es noch nie gewesen. Ich war ergriffen. Es war der Tag, an dem mein Vater eingeäschert wurde.“

Fiona Driver ist auf den Orkney Inseln geboren, ihre Eltern wanderten aus England auf die Orkney-Insel Hoy „ein“ und lebten dort zunächst als Selbstversorger. Dieses Leben war nichts für Zimperliche, Fiona hat noch miterlebt, wie Ziegen geschlachtet wurden.
Mit 13 sah sie ihre beste Freundin bei einem musikalischen Talentwettbewerb Fiddle spielen und war danach völlig von der Idee besessen, das auch zu wollen. Ihr Vater erinnerte sich, dass auf dem Speicher irgendwo noch die Geige seines Großvaters vor sich hin verstauben musste. Die Geige wurde dann sofort aus dem Gerümpel hervorgekramt und kam in einer alten Plastiktüte zum Vorschein, aus der der noch Bogen wie der Arm eines Ertrinkenden herausragte.

Nach jahrzehntelanger Vernachlässigung befand die Geige sich in einem erbarmungswürdigen Zustand: übel zugerichtet, das Holz abgesplittert, gebrochen und gerissen. Die Fiddle ihres Urgroßvaters wurde repariert und Fiona hat die Daten parat wie eine Mutter die Geburtskoordinaten ihres ersten Kindes verinnerlicht hat: am 27. September 1994 bekam sie diese Fiddle ihres Urgroßvaters aus den Händen eines kundigen Geigenbauers repariert zurück, 24 £ kostete die Reparatur der Fiddle und nochmal doppelt so viel die Widerherstellung des Bogens. An diesem Tag wurde nicht nur einer altgedienten Geige neues Leben eingehaucht, sondern die Fiddlerin Fiona Driver wurde geboren. Ihr Urgroßvater hätte seine Freude daran gehabt.

Zunächst hat niemand ihr Talent erkannt, nicht einmal sie selbst. „Ich war 13 Jahre alt, habe mir Noten besorgt, habe schnell herausgefunden wie man die Notation liest und auf die Fiddle umsetzt und habe geradewegs angefangen zu spielen. Es war einfach und normal, es fühlte sich genau richtig an. Erst Jahre später, als ich begann, Jugendliche im Geigenspiel zu unterrichten und mitbekam, wie man sich normalerweise plagen muss um Noten zu lesen oder der Geige Töne zu entlocken, dämmerte mir langsam, dass bei mir doch etwas ganz anderes im Spiel war: Talent. Diese Erkenntnis traf mich wie ein Schock.“

Fiona Driver’s erstes Stück und ihr Weg zur Geigenlehrerin

In diesem Video spielt uns Fiona die erste Melodie vor, die sie jemals auf einer Geige gespielt hat. Ein komplizierter Dudelsack-Marsch „Donald McLean’s Farewell to Oban“ von der schottischen Westküste! Jeder, der sich – wie ich – schon einmal mit Geige und Bogen in der Hand abgemüht hat, wird hierüber staunen.

Es verwundert dann auch nicht, dass sie mit 16 einen Talentwettbewerb gewann. Mund-zu-Mund-Propaganda tat das Übrige und plötzlich war sie Geigenlehrerin, seit 2012 übt sie diesen Beruf in Vollzeit aus. Ihre Schülerinnen und Schüler sind zwischen 6 und 70 Jahre alt und stolz berichtet sie, dass sie nicht wenige Spätberufene bis auf die Bühne kleiner Folkmusic Festivals bringt. Demnächst wird sie ihr eigenes Studium “Angewandte Musik” an der University of the Highlands and Islands abschließen.

Die Komponistin Fiona Driver

Irgendwann kam dann auch das Komponieren dazu. „Die Orkney Inseln sind ein idealer Ort für Komponisten. Wir liegen in der Mitte so vieler Musikkulturen und können aus diesen Traditionen schöpfen: Irland, Shetland, Färöer, Schottland, Norwegen, Kanada und Nordamerika. Beim Orkney Folk Festival inspirieren wir uns alle gegenseitig sehr stark.“ Bisher hat Fiona Driver ca. 240 Melodien komponiert, 100 davon sind im „Fiona Driver’s Orkney Tune Book“ festgehalten, das man über ihre Webseite (s.u.) bestellen kann.

Die Fiddle, auf der Fiona zuerst gespielt hat, stammte von ihrem Urgroßvater. Sein Haus in den Cotswolds hieß „Starsmead“ – ein sehr poetischer Name, übersetzt etwa „Au der Sterne“. Dem Haus und ihrem Urgroßvater zu Ehren hat sie dieses Lied komponiert:

Fiona Driver’s zweite Komposition: „Moonlight over Stennes Loch“

„Suilven“: Diese Melodie trägt den Namen eines der markantesten Berge im schottischen Assynt, einer wilden und abgelegen Gegend. Fiona sehnte sich schon lange danach, diesen Berg zu bezwingen.

Suilven

Suilven, Foto von John Wray, geograph.org.uk

 

Beinahe senkrecht ragt er empor, 731 m ist er hoch, dennoch benötigt man für Auf- und Abstieg eine sehr gute Kondition und ca. 10 Stunden Gehzeit. Wie viel Sehnsucht kann man haben?

Und warum kommt Ihr nicht einfach auch einmal zu den Orkney Inseln? Vielleicht anläßlich des Folk Festivals im Mai? Es gibt aber auch noch mehr Gründe, Orkney zu lieben und Fiona sagt es euch:

Die Orkneyinseln im hohen Norden Schottlands eignen sich optimal als Abstecher für den Roadtrip #NorthCoast500.

CD’s, den Scottish Fiddle Course und noch viel mehr gibt es auf Fiona Driver’s Webseite.

© Melodien: Fiona Driver (außer Video „First Tune“)

Geheimnisvolles von den Orkneyinseln gibt es im Beitrag „Der Herr der Steine“ in dem es um die Grabungen am Ness of Brodgar geht.

© Foto und Text: Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com © Video: Tom Gordeyns

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2 Comments

  • Jutta sagt:

    Liebe Sabine, ein ganz fabelhafter Bericht! Grandios, wenn man außergewöhnliche Menschen in ihrem privaten Umfeld treffen und gemeinsam mit ihnen in die Vergangenheit eintauchen kann! Ich habe mir alle Video-Clips angesehen – So schön gemacht! – und mich von den Melodien erfüllen lassen. Bin begeistert! Liebe Grüße, Jutta

  • Sabine sagt:

    Liebe Jutta,
    vielen Dank! Ich freue mich sehr, daß dieser Beitrag Dir so gut gefällt. Für mich sind es genau diese Erlebnisse, die Reisen wirklich ausmachen!
    Liebe Grüße, Sabine

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