Meeting Maria: Godendosen, Nothelfer und fröhliche Engel

Maria-Olinowetz

Über Glück im Alter, verstörende Engel in Kärnten und ein erfülltes Künstlerinnen-Leben: bei der Künstlerin Maria Mlecnik Olinowetz im österreichischen Gotschuchen gibt es auch neben der kunsthandwerklichen Malerei auf Spanschachteln, Glas oder Holz so einiges zu entdecken, z. B. Godendosen, Nothelfer und fröhliche Engel. Im Englischen gibt es ein geniales Wort, und ich liebe es: serendipity. Übersetzt bedeutet es in etwa: die Gabe, zufällige und unerwartete Entdeckungen zu machen. Und genau dies habe ich erlebt, ein Geschenk des Universums zu meinem 54. Geburtstag.

Artikelübersicht

Ein künstlerisches Talent wird entdeckt und gefördert

40 Jahre Volkskunst und Bauernmalerei

Brauchtumsgeschichte in Kärnten

Freie Kunst im Unruhestand

Engel fliegen durch Gotschuchen

Ein künstlerisches Talent wird entdeckt und gefördert

Unsere Gastgeberin Katharina Kupper-Wernig wandert mit uns an einem schwülen Sommertag durch das wunderschöne, breite Rosental in das kleine Dorf Gotschuchen: ich kann die Natur spüren, die sommerliche Hitze flimmert über den Feldern und Wiesen, die sich sanft in der hitzesatten Sommerluft wiegten. Die Grillen veranstalten ihr Sommerkonzert. Eine Vorahnung liegt in der Luft.

 

Streifzug durch das Rosental in Kärnten ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Streifzug durch das Rosental in Kärnten ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

In Gotschuchen wartet dann eine entzückende ältere Dame auf uns: Maria Mlecnik Olinowetz. Ein ganzes Haus nutzt sie als Atelier und Ausstellungsraum, ein ganzes Leben voller Schaffenskraft wird sich in der nächsten Stunde vor uns entfalten. Aber nur auf Nachfrage. Maria ist keine Selbstdarstellerin. Eher schüchtern rückt sie zunächst mit der Sprache heraus, erzählt in einer Art Stube von ihrem Werdegang:

„Schon seit 120 Jahren wurden in diesem Haus Holzfässer hergestellt, und auch mein Vater betrieb hier seine Fassbinder Werkstatt. So kam ich zum Holz als Malunterlage und habe zunächst einmal Schirmständer bemalt,“ erklärt sie. In den 60-er Jahren wurde sie dann vom damaligen Museumsdirektor in Klagenfurt, Hofrat Dr. Franz Koschier, entdeckt. Er hat sie in ihrer künstlerischen Karriere begleitet „Eine Kunstakademie habe ich nie besucht. Ich konnte jedoch meinen Lebensunterhalt mit den kunsthandwerklichen Arbeiten verdienen.“

Kunstgewerbe Maria Olinowetz ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Kunstgewerbe Maria Olinowetz ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

40 Jahre Volkskunst und Bauernmalerei

Und das können wir uns sehr gut vorstellen. Im Ausstellungsraum überwältigt uns das Zeugnis jahrzehntelanger Schöpfungskraft und Inspiration: die vielen Materialien, auf die sie gemalt hat! Natürlich Holz – neben den Schirmständern schuf sie über 600 Schützenscheiben für Jäger, die sie zum Teil fotografisch dokumentiert hat. Und Schränke, Truhen, Stühle: ganze Wohnungseinrichtungen hat sie in „Bauernmalerei“ gestaltet.

Nichts war vor ihr sicher. Beispielsweise Glas: sie malte auf Glas, hinter Glas – spiegelverkehrt, Kaltmalerei und gebrannt. Auf Eier: gewöhnliche Hühnereier, aber auch große Straußeneier wurden verziert, alles mit volkstümlichen oder katholischen Motiven.

Neben den bäuerlichen Motiven lag ihr auch das spirituelle Thema im christlichen Kontext schon immer am Herzen. Es entstanden bemalte Taufkerzen mit christlichen Symbolen (Glaube, Hoffnung Liebe), Votivtafeln, Bildstöcke, Namenspatrone für Patenkinder auf Holz.

Holzteller, Spanschachteln, Butterfässer.... ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Holzteller, Spanschachteln, Butterfässer…. ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Kein Ei ist zu gross oder zu klein für Marias Motive ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Kein Ei ist zu gross oder zu klein für Marias Motive ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Glasflaschen mit Heimatmotiv ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Glasflaschen mit Heimatmotiv ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Brauchtumsgeschichte in Kärnten

Was für mich Marias Arbeit so ganz besonders macht und zu etwas, das weit über die Gegenwart hinausreichen wird, ist die Tatsache, dass sie durch ihr Werk auch gleichzeitig die kärntnerische Brauchtumsgeschichte dokumentiert.

Da gibt es Kelche, auf denen die sogenannten Hochzeitszüge dokumentiert sind: Das Brautpaar und Menschen in Trachten in fröhlichen Farben. Und Godendosen hat sie verziert: Holzschatullen, die Paten ihren Patenkindern schenken, früher wurde darin der Notgroschen für schlechte Zeiten zusammengespart.

Sie schuf berührende Votivtafeln aus Holz, auf denen heilige Häupter sich unter der Last der Goldkronen beugen, als nähmen sie die Last der Welt schon voraus.

Früher hatte jeder Hof, der etwas auf sich hielt, auch seine eigenen 14 Nothelfer: christliche Heilige, zu denen man eine persönliche Verbindung spürte oder deren besonderen Schutz man sich erhoffte. Um der christlichen Magie dieser Mystik zur Wirkung zu verhelfen, wurden diese Nothelfer beispielsweise auf einen kostbaren Glaskelch gemalt. Nachdem die aufgetragenen Farben und Motive einem vierfachen Brennprozess unterzogen wurden, konnte der fertig gestellte Glaskelch an einem besonderen Platz im Haus aufbewahrt werden und die ihm zugedachte Schutzfunktion übernehmen.

Das traditionelle Leben hat Maria liebevoll dokumentiert ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Das traditionelle Leben hat Maria liebevoll dokumentiert ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Freie Kunst im Unruhestand

Nach mehr als 38 Jahren im kunsthandwerklichen Geschäft hat sich Maria Olinowetz aus der kommerziellen Produktion zurückgezogen. Sie ist froh, aus dieser intensiven Zeit, in der sie teilweise bis zu 17 Stunden täglich in ihrer Werkstatt verbracht hat, keine körperlichen Schäden davongetragen zu haben.

Wer denkt, bei Maria bedeute „Rente“ auch gleichzeitig „Ruhestand“, der irrt sich gewaltig. Jetzt geht es für sie erst richtig los, endlich ist Zeit für ihre ganz persönliche künstlerische Entwicklung, die nicht mehr den Erwartungen der Auftraggeber entsprechen muss. „In die Bauernkunst und Volkskunst bin ich hinein gewachsen,“ erklärt sie lächelnd „und jetzt geht es um die Entwicklung meiner ganz individuellen künstlerischen Handschrift.“

Maria Olinowetz in ihrem Atelier in Gotschuchen ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Maria Olinowetz in ihrem Atelier in Gotschuchen ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Sogenannte Schüttbilder ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Sogenannte Schüttbilder ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Die Palette einer Künstlerin ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Die Palette einer Künstlerin ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Nach dieser energischen Erklärung bittet sie uns aus der Stube in die anderen Räume des Hauses, die eine gallerieartige Anmutung haben.

Und in diesem Moment beginnt sie, die Verbindung zwischen mir und Maria. Auch ich ringe mein ganzes Leben um Ausdruck. Antroposophische Kunsthochschule, Fotografie, Schreiben – es ist eine permanente Suche. Dieser Blog gibt mir die Möglichkeit, viele meiner kreativen Neigungen zu verbinden. Auch ich bin nicht zufrieden, wenn ich nicht kreativ sein kann….und so schweifen meine Gedanken ab, bis Maria mich zurückholt und genau das sagt, was ich gerade denke:

„Ich muss immer weiter, weiter und weiter. Ich bin nicht glücklich, wenn ich nicht schöpfen und experimentieren kann.“

Bei ihr geht es in den letzten Jahren darum, sich von der realistischen Darstellung zu lösen und zur Abstraktion zu entwickeln: es entstehen Fließbilder, Schlagbilder und Schüttbilder auf Leinwand, die kreativ interpretiert werden. „Man probiert dies und probiert jenes, ich muss immer was Neues machen, ich halt‘ das nicht aus, immer das gleiche zu machen. Das wär‘ für mich nix,“ führt sie aus.

Man merkt, es ist ein permanentes Ringen um den eigenen Ausdruck. Neben der Abstraktion werden in den neuen Bildern auch gesellschaftliche Themen wie Umweltverschmutzung oder Übervölkerung verarbeitet. „Ich brauche immer neue Herausforderungen – dann kann ich geben!“

Wie in einer Galerie: Maria experimentiert mit verschiedenen Stilen und Techniken ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Wie in einer Galerie: Maria experimentiert mit verschiedenen Stilen und Techniken ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

 

Gesellschaftskritisches auf Leinwand ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Gesellschaftskritisches auf Leinwand ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

 

 

Engel fliegen durch Gotschuchen

Wir stehen nun vor einer verschlossenen Tür in der Galerie. Die Spannung steigt. „Eines Tages kam ich in die Werkstatt und habe nicht gewusst was ich machen soll. Keine Ideen, dann habe ich Bücher durchgeschaut. Nichts. Plötzlich hat’s gefunkt – probierst halt amal an Engel – und dann hab ich einen Engel gemacht!“ Nachdem ihre Tochter sie ermuntert hat, weiter mit den Engeln zu experimentieren, sind mittlerweile über 60 Engel-Collagen, die meisten „geschüttet“ – entstanden.

„Bitte!“ sagt sie und öffnet die verschlossene Tür– als ob man nun ins Allerheiligste einträte.

Und plötzlich tanzen die Engel um uns: fröhliche Engel, aber auch ernste und verstörende Engel. Der abschließende Höhepunkt unserer kleinen Tour durch Atelier und Galerie ist nun erreicht.

Ich fühle mich reich beschenkt durch die Begegnung mit Maria. So ein wunderbares, überraschendes Erlebnis, diese kreative und lebendige Frau kennenlernen zu dürfen. Und das an meinem Geburtstag. Beim Abschied bedanke ich mich bei ihr für dieses „Geburtstagsgeschenk“.

„Oh, Du hast Geburtstag heute? Da musst Du aber unbedingt einen Engel mitnehmen!“ Ich wehre ab, aber erfolglos. Sie schenkt mir ein Engel-Bild. Es steht jetzt auf meinem Nachttisch zu Hause. Ich habe schon oft über diesen etwas ernsten Engel meditiert. Er passt zu mir. Ich glaube, er hat bei Maria auf mich gewartet.

Marias Engel: so individuell wie wir Menschen ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Marias Engel: so individuell wie wir Menschen ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

 

Meins! ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Meins! ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Hier gibt es noch mehr Informationen über Maria Mlecnik Olinowetz, u.a. auch die Kontaktdaten.

Besuche bitte nur nach telefonischer Voranmeldung.

Diesen Besuch haben wir auf Anregung von Katharina Kupper-Wernig vom Campingplatz Rosental aus unternommen.

Über die Schmuckdesignerin Sheila Fleet in Schottland berichten wir in „See und Seele in Silber“.

Hinweis: Wir wurden vom Österreichischen Umweltzeichen zu der Reise nach Kärnten eingeladen.

Die Sichtweise meiner Kolleginnen auf diese Reise ist auf den folgenden Reiseblogs zu finden:

Elena Paschinger von www.CreativElena.com

Lucia Täubler von DieKremserin.blogspot.com

Angelika Komposch von www.kaerntnermadl.at

Die Hashtags für die Reise: #VisitCarinthia #Umweltzeichen

© Foto und Texte: Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

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