Nebelkinder – Kriegsenkel treten aus dem Traumaschatten der Geschichte

Nebelkinder - Kriegsenkel treten aus dem Traumaschatten der Geschichte

– Ein Lebens-Reiseführer für Kriegsenkel: auf unbekannten Wegen in die Seelen-Wüste

Meine Eltern haben den 2. Weltkrieg als Kinder erlebt. Die vielen schrecklichen Erlebnisse aus dieser Zeit haben ihr Leben maßgeblich bestimmt. Ich habe in den letzten Jahren entdecken dürfen, dass es so etwas wie transgenerationale Traumata gibt. Das hat mir sehr geholfen, nicht nur immer meine Eltern besser zu verstehen sondern endlich auch mich selbst.

Deshalb möchte ich im Folgenden ein Buch der „Kriegsenkel-Literatur“ vorstellen, das mich derzeit auf meiner eigenen Reise begleitet.

Nebelkinder - Kriegsenkel treten aus dem Traumaschatten der Geschichte

Nebelkinder – Kriegsenkel treten aus dem Traumaschatten der Geschichte

Nebelkinder – Kriegsenkel treten aus dem Traumaschatten der Geschichte

Wer ist denn bitte ein Kriegsenkel? Florian Illies, bekannt als Autor von „Generation Golf“ prägte diesen Begriff für Kinder der Kriegskinder, gemeint sind die Geburtenjahrgänge 1960 – 1975. Der gesellschaftliche Diskurs in Deutschland über diese Generation begann ganz langsam 2007, Sabine Bodes Buch “Kriegsenkel“ 2009 war wegweisend und so dringend notwendig, dass es mittlerweile in der 15. Auflage erschienen ist.

Die Herausgeber Michael Schneider und Joachim Süss beschreiten mit „Nebelkindern“ insoweit einen neuen Weg, als sie die Betroffenen mit eigenen Texten unter Klarnamen zu Wort kommen lassen. Es ist ein mutiger Schritt der namhaften Textautorinnen sich mit ihren Problemen und Versehrtheiten der Öffentlichkeit zu stellen. Wer gibt schon außerhalb eines geschützten therapeutischen Gruppenraumes gerne zu, unter der NS-Täterschaft seines Opas zu leiden, mit dem Leben nicht gut zurecht zu kommen oder anfällig für Panikattacken und Minderwertigkeitsgefühle zu sein?

Und genau auf diese Weise muss man meines Erachtens dieses Buch sehen: Betroffene berichten im „Gruppenraum des Buches“ mutig und erschüttert von ihrer eigenen Geschichte, ihren Leiden und ihrem Umgang mit der eigenen und der Familienvergangenheit. Folgerichtig ist das Buch in drei Kategorien aufgeteilt: „Erfahrung“, „Deutung“ und „Heilung“. Diese Struktur nimmt den Leser mit in Biografien und Familiengeschichten, zeigt im Teil „Deutung“ auf, wie der Nebel und das Dunkel der Verstrickung in die eigene Familiengeschichte gelichtet wurde so dass die transgenerationalen Traumata zunächst einmal sichtbar und fühlbar wurden. Der Abschnitt „Heilung“ bietet einige Ansätze zur Sinnstiftung für die teilweise schwer sekundärtraumatisierte Kriegsenkelgeneration.

Eine Stärke der Textsammlung ist zugleich auch eine Schwäche: Die Texte sind auf hohem sprachlichen Niveau verfasst, deshalb mag der Zugang zu ihnen teilweise schwierig erscheinen.

Am Ende der Lektüre hat man einen guten Überblick welchen Einfluss die Kriegs- und Flüchtlings-Schicksale der Eltern und Großeltern auf Biografien der Kriegsenkel-Generation haben können. Die Lektüre dieses Buches erschüttert und bietet die Chance, innezuhalten und über eigene Befindlichkeiten nachzudenken. Manch einer wird dazu nicht in der Lage sein, manch andere wird endlich den Schritt in eine Psychotherapie, Kriegsenkelgruppe oder Ähnliches erwägen.

Definitiv eine Lektüre mit Risiken und Nebenwirkungen – und das soll es auch sein! #Nebelkinder

Michael Schneider und Joachim Süss (Hg.): Nebelkinder.
Kriegsenkel treten aus dem Traumaschatten der Geschichte
Europa Verlag, 384 Seiten, 19,99 Euro

Der Verlag hat mir das Buch für diese Buchbesprechung zur Verfügung gestellt.

© Foto und Texte: Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

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