Traumstraßen in Island: Auf der 94 im Nordosten nach Borgafjördur Eystri/ Bakkagerði

Traumstraßen in Island ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

– Im abgelegenen Nordosten Islands, abseits der ausgetretenen Touristenströme, gibt es Interessantes zu entdecken. Sagen, Legenden und Geschichten prägen diese Region besonders intensiv. Bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts war es noch mit großem Aufwand verbunden, um die Gegend überhaupt zu erreichen und niemand unternahm diese Reise ohne Notwendigkeit. Heute ist der Weg zum Ziel geworden und die Strecke mit traumhaften Aussichten kann – umsichtige Fahrweise vorausgesetzt – bei gutem Wetter relativ einfach befahren werden.

Inhalt Traumstraßen in Island – Auf der 94 im Nordosten nach Borgafjördur Eystri

1. Vor der Abfahrt Auskunft einholen

2. Streckenverlauf der 94 von Egilsstaðir nach Borgafjörður Eystri

3. Tipps für Unternehmungen in Borgafjörður Eystri

4. The making of – Jetzt wird’s persönlich

5. Praktische Informationen zur Routenplanung auf der 94 von Egilsstadir nach Bakkagerði

1. Wichtig: Vor der Abfahrt Auskunft einholen

Frage an eine junge Isländerin, Angestellte der Tourismusinformation in Egilsstadir: „Wie ist der Straßenzustand der 94 von Egilsstaðir nach Borgafjörður (auch: Bakkagerði)?“  „Die Straße ist sehr gut und gerade neu gemacht, und auch der Abschnitt über den Bergpass Vatnsskarð ist gut passierbar. Ein wenig aufpassen muss man schon an dem steilen Küstenabschnitt vor Borgafjörður. Njardvikurskridur heißt er, und es ist ja allgemein bekannt, dass Geister und Ungeheuer an diesen unwegsamen Stellen ihr Unwesen treiben.“ Nicht das kleinste Zucken um den Mundwinkel oder ein fröhliches Aufblitzen in den Augen gibt uns zu erkennen, dass es sich bei dieser Auskunft um einen gutgemeinten Scherz handeln könnte.

Ich hatte davon in einem Reiseführer gelesen und diese Anekdote mit dem internen Lesezeichen „alte isländische Sagen und Legenden“ versehen. Deshalb starre ich sie nun an und stottere „Ernsthaft?“

„Ja, es gibt immer wieder Einheimische und Touristen, die von seltsamen Vorfällen berichten, es ist wirklich ratsam, die Augen offen zu halten“. Das sitzt, sie meint es wirklich ernst. Wir schreiben das Jahr 2012 und werden offiziell vor Geistern und Ungeheuern gewarnt.  Willkommen in Island, dem Land, in dem es auch institutionalisierte Elfenbeauftragte gibt!

2. Streckenverlauf der 94 von Egilsstaðir nach Borgafjörður Eystri

Wir starten die Exkursion vormittags in strahlender Sonne, dennoch muss ich zugeben, dass mir etwas mulmig ist. Wir haben unser Kartenmaterial ganz genau studiert und festgestellt, dass im Streckenverlauf einige Stücke geteert sind (rot eingezeichnet) und einige Stücke als Schotterpiste (orange) markiert sind.

Allein im Nichts auf der 94 in der Vorsaison ©Sabine Mey-Gordeyns

Allein im Nichts auf der 94 in der Vorsaison ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

 

Die Weite und eine Schotterstrecke: Route 94 in Island ©Sabine Mey-Gordeyns

Die Weite und eine Schotterstrecke: Route 94 in Island ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Von Egilsstaðir verläuft die Straße 94 direkt nach Norden am Flussdelta des Lagarfljót entlang. Buckelwiesen, die hier Þúfur genannt werden, säumen den Weg rechts und links. Nach etwa 45 km trifft die 94 auf die Deltafläche des Héraðssandur und biegt dort Richtung Osten ab. Nachdem die breite Flussmündung des Selfljót überquert ist, holpern wir mit einem metallischen Geräusch über einen in die Straße eingelassenen Stahlrost, dieses Viehgitter soll verhindern, dass die hier grasenden Schafe ihr Gebiet verlassen.


In diesem Video: Viehgitter, Schotter und dann langsam mit höchstens 30 km/h durch die Kurve: Schotter ist wie Eis – glatt!

Wir fahren jetzt direkt auf die bis über 1.000 Meter hohen Berge des Küstengebirges zu, die Straße beginnt leicht anzusteigen, es rattert – die Teerstraße ist wiederum unvermittelt in eine Schotterpiste übergegangen. Plötzlich zieht unser Geländewagen eine Staubwolke hinter sich her, mein Herz hüpft im Rhythmus der Piste: ich bin bereit für unser erstes Island-Abenteuer, abseits der Teerstraße, Offroad-Light – ein Traum wird wahr!

Rechts von der Straße wirbt ein kleiner Anhänger tapfer mit einer Reklametafel für das Restaurant „AlfaSteinn“, so als wolle er dem Reisenden vor der Durchquerung des Gebirges Mut zusprechen und Durchhaltevermögen mitgeben.

Ein gletscherblaues Schimmern auf der linken Seite des Weges reißt mich aus meinen Gedanken. Wir haben mittlerweile über einfach zu fahrende Serpentinen die Passhöhe Vatnsskarð erklommen und einen kleinen See erreicht, der zum Großteil noch mit Schnee und Eis bedeckt ist.

Der Stoff aus dem Abenteuer sind: Rauhe Landschaft, Defender, Schotterpiste ©Sabine Mey-Gordeyns

Der Stoff aus dem Abenteuer sind: Rauhe Landschaft, Defender, Schotterpiste ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

 

In Haarnadelkurven durchs Tal ans Meer auf der 94 ©Sabine Mey-Gordeyns

In Haarnadelkurven durchs Tal ans Meer auf der 94 ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Wir nehmen uns Zeit und steigen aus. Von den Ausblicken, die sich von hier eröffnen, möchte man innere Postkarten­ansichten erschaffen, die man immer wieder an sich selber schicken kann, wenn es einem mal schlecht geht: Hinter uns breitet sich aquamarinblau der Nordatlantik in der Bucht Héraðsflói aus. Von hier aus ist gut zu sehen, wie die Gletscherflüsse Lagarfljót und Jokla die Förde durch ihre Ablagerungen permanent verändern und ihr ein interessantes Muster verleihen. Die Bucht wird umarmt vom Bergmassiv des Hlíðarfjöll mit seinen bis zu 1000 m hohen Bergen, deren Spitzen noch teilweise von Schnee verhüllt sind.

Ich reiße mich los und laufe ein Stück nach vorne, um den nächsten Streckenabschnitt zu begutachten. Zunächst springt am Eingang zum Tal der mächtige, mehr als 1100 m hohe Dyrfjöll ins Auge, der „Türberg“, der aufgrund eines quadratischen Lochs in der Bergflanke mit diesem Namen prunken kann. Es ist jedoch nur  abenteuerlichen Wanderern vorbehalten, dieses Phänomen sehen zu können und für uns von der Passhöhe Vatnsskarð nicht erkennbar. Uns bietet sich jedoch die Aussicht auf eine schmale Schotterstraße, die sich steil bergab durch das enge Tal des Njarðvíkurá dem Meer entgegen schlängelt. Das Tal wird von mächtigen Bergen eingefasst die noch von Schneeadern durchzogen sind.


Video: Links der Abgrund, rechts der Steinschlag und geradeaus die Aussicht

Erst am Ende des Tals, wo der Weg wieder ansteigt und die Richtung nach rechts ändert um oberhalb des Meeres um den Hádegisfjall herumzuführen, finden wir langsam unsere Sprache wieder. Aber nur ganz kurz. Instinktiv spüren wir, dass es um diesen Streckenabschnitt geht, wenn von Monstern und Geistern gemunkelt wird. Die Schotterstraße ist zum Glück perfekt, es ist trocken und wir haben beste Sicht.

Aber bei Schlechtwetter, Nebel oder Dunkelheit möchte ich hier nicht unterwegs sein müssen. Rechts erhebt sich steil und dunkel das bis zu 600 m hohe Küstengebirge. Geröll säumt den Wegesrand, da rutscht regelmäßig etwas ab. Links ist der Weg in Abständen von 50 m mit gelben Markierungsstäben abgesetzt. Jenseits der Markierungen ist vielleicht 1 m Platz, dann gähnt der steile Abgrund und das eiskalte Meer.

Wir entdecken ein unheilvolles Holzkreuz am Wegesrand und heben uns diese Erkundung lieber für die Rückfahrt auf.

Auf der 94 zwischen Abgrund und Erdrutsch ©Sabine Mey-Gordeyns

Auf der 94 zwischen Abgrund und Erdrutsch ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Schon viele haben hier einen mysteriösen Tod gefunden ©Sabine Mey-Gordeyns

Schon viele haben hier einen mysteriösen Tod gefunden, das Nadacross erinnert daran  ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com


Video: Die Rückfahrt über den Pass: Haarnadelkurven auf Schotter mit Aussicht

 

3. Tipps für Unternehmungen in Borgafjörður Eystri

Mittagspause bei Fischsuppe im Restaurant Alfa Café in Borgafjörður Eystri

„Alfa Café“ oder „AlfaSteinn – beide Bezeichnungen erscheinen auf der Außenseite eines typischen isländischen Hauses im praktischen Wellblech-Stil. Dieser nutzenorientierte Stil erscheint nun, im strahlenden Sonnenschein, überflüssig hässlich. Wenn allerdings die Winterstürme um das Haus toben, ist diese Architektur einfach nur sinnvoll. Grobe Holzmöbel laden vor dem Eingang zum Verweilen in der Sonne ein, wir sind jedoch durchgefroren und freuen uns auf die Windstille eines Innenraumes. Das Café ist Restaurant und Galerie zugleich. Hier werden verschiedene Werkstücke aus Stein ausgestellt und verkauft („from rock to art“) und als kleine Mahlzeit wird die allerbeste Fischsuppe in ganz Island gereicht.

Alfa Café in Borgafjördur Eystri ©Sabine Mey-Gordeyns

Alfa Café in Borgafjördur Eystri ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Papageientaucher beobachten in Borgafjörður Eystri

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Papageitaucher bei Hafnarholmi, © Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Hier gibt es Informationen, wo man in Borgafjörður Eystri die Papageientaucher beobachten kann.

Die Elfenburg und das Seeungeheuer Naddi

Elfenburg vor grandioser Bergszenerie ©Sabine Mey-Gordeyns

Elfenburg vor grandioser Bergszenerie ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Mehr Informationen über Elfen in Island, die Elfenburg und die Elfenkönigin gibt es im Beitrag „Die Elfenkönigin und das Seemonster“.

4. The making of – Jetzt wird’s persönlich

Wir waren mit dem eigenen Auto unterwegs und nur wenige Tage zuvor in Seydisfjördur mit der Fähre angekommen. Die 94 war – abgesehen von Trainingsfahrten in niederländischen sowie deutschen Offroad-Trainingscentern – unsere erste „richtige“ Tour auf teilweise unbefestigten Strecken.
Erstaunt hat uns, wie schnell man auf dem Schotter rutscht – trotz Allradantrieb! Das kann in den engen Kurven sehr gefährlich werden.
Außerdem ist erwähnenswert, dass beim Fahren extreme Aufmerksamkeit gefordert ist. Im Zusammenhang mit der teilweise holprigen Strecke sind wir dabei sehr schnell müde geworden. Das sollte man einfach energietechnisch einplanen, wenn man am gleichen Tag noch weiter fahren möchte.
Desweiteren muss man damit rechnen, dass unterwegs kein Netztempfang besteht.

5. Praktische Informationen zur Routenplanung auf der 94 von Egilsstadir nach Bakkagerði

Routeneinstieg: Egilsstadir

Kilometer bis Borgafjördur/ Bakkagerdi: ca. 80 km

Straßenbeschaffenheit: Zum Großteil befestigt, teilweise noch geschottert.

Geländewagen erforderlich: nein

Fahrzeit: ca. 90 – 120 Minuten einfach

Beste Reisezeit: Wenn man am Ende der Route in Hafnarholmi Papageientaucher beobachten möchte muss man zwischen Ende Mai und Anfang August reisen. Bei schlechter Sicht birgt der Weg Gefahren.

Interessantester Teil der Route: die zweite Hälfte, die an der Küste und durch die Berge

Übernachtungsmöglichkeiten in Borgafjördur Eystri: vorhanden

Busverbindung: eventuell fährt 1 mal täglich in der Hauptsaison ein Minibus, in der Touristeninformation Egilsstadir erkundigen

Weiterführende Informationen: http://www.borgarfjordureystri.is/home

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© Foto und Texte: Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com
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Eissee, Nordmeer, Gebirge und die Schotterpiste auf der 94 - hier der Rückweg nach Egilsstadir ©Sabine

Eissee, Nordmeer, Gebirge und die Schotterpiste auf der 94 – hier der Rückweg nach Egilsstadir ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

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8 Comments

  • Ich mag’s ja, wenn Trolle und Geister noch in den Köpfen der Menschen herum spuken. Bisher habe ich das am intensivsten in Irland erlebt, aber ich glaube, Island schlägt das noch um Weiten, oder? Wir müssen wirklich einmal dorthin 🙂

  • Sabine sagt:

    Ich mag es auch, wenn es ein wenig mystisch wird, Monika. Ich finde, rund um diese alten Geschichten kann man viel über das kulturelle Erbe des besuchten Landes erfahren.

  • Andreas sagt:

    Ich kenne Island von vielen Reisen und bin auch begeisterter Islandfan. Sehr schön, sehr einsam und karg fand ich die Westfjorde. Am schönsten fand ich aber die Halbinsel Snaefellsnes mit seinem Snaefellsnesjökul an der Spitze. Diese Landschaft muss man mögen. Immer mehr Menschen entdecken Island und ich habe erfahren, dass viele Orte inzwischen überlaufen und sehr stark frequentiert sind. Gruß Andreas

  • Sabine sagt:

    Auch ich liebe die Westfjorde und auch dazu wird es einen Traumstrassen-Beitrag geben. Und genau wie Dich hat mich Snaefesllsnes sehr verzaubert und ich hatte das große Glück, seine faszinierende Spitze unverhüllt sehen zu dürfen. Und ja, von den Menschenmassen auf Island habe ich auch schon erfahren. Deshalb versuche ich, durch meine Beiträge auf weniger stark frequentierte Gebiete als Alternative aufmerksam zu machen.

  • Jutta sagt:

    Liebe Sabine, so blau, wie auf einem deiner Fotos habe ich das Meer in Island noch nie gesehen! Traumhaft! Liebe Grüße, Jutta

  • Sabine sagt:

    Liebe Jutta
    ich denke das liegt an der Jahreszeit. Das Gletscherwasser strömt im Frühling ins Meer und dort bekommt es diese etwas überirdisch schöne Farbe……
    Herzlichst, Sabine

  • Elisa sagt:

    Hallo Sabine,
    bei deinen Fotos und Erzählungen bekomme ich gerade wieder wahnsinniges Fernweh nach Island. Eine Tour mit dem eigenen Auto finde ich super spannend und steht ganz oben auf meiner Wunschliste. Als ich im Winter in Island unterwegs war, konnte ich nur die ’normalen‘ Routen abfahren. Was auch wunderschön war, aber eben nicht ganz das, was ich mir vorgestellt habe. Vielleicht klappt es ja irgendwann.
    Lieben Gruß
    Elisa

  • Sabine sagt:

    Hallo Elisa,
    wer einmal in Island gewesen ist, für den ist Island-Sehnsucht ein bekanntes Verlangen… Die Isländer düsen übrigens auch im Winter mit ihren aufgemotzten Superjeeps ins einsame Hochland. Aber auch im Sommer, mit dem eigenen Auto ins Hochland: es muss schon ein Geländewagen sein. Und es ist wahrscheinlich nicht so, wie Du Dir das vorstellst. Es ist voll. Festland-Europäer leben dort (ungehemmt) den Traum der großen Freiheit aus. Ich werde noch darüber noch berichten. Herzlich aus Holland, Sabine

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