Grimsey: Eine Island-Novelle von Ulrich Schacht

Die Novelle Grimsey

Eine Novelle. Über einen Ort mit einem Y, die arktische Insel Grimsey. Auf dem Buchumschlag wird Wolfgang Hildesheimer zitiert „Wo ein Ypsilon ist, da steckt nicht selten ein Geheimnis“.

Eine Novelle ist eine Erzählung mittlerer Länge – Grimsey umfasst 189 Seiten. Sie ist klar strukturiert und besitzt ein Leitmotiv bzw. ein (Ding-) Symbol und dreht sich um eine „sich ereignete unerhörte Begebenheit“ (Definition durch Goethe 1827). Wir haben im vorliegenden Werk also Grimsey, Geheimnis, Begebenheit und Symbol.

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Grimsey ist eine kleine Insel im Nordatlantik, gehört zu Island und liegt genau am Polarkreis.

Geheimnis: Der Protagonist der Novelle, ein geheimnisvoller Inselsammler – ein im Lauf der Erzählung nicht weiter oder persönlicher benannter „Er“ – sucht am Anfang der Erzählung nach seiner Ankunft auf Grimsey sogleich die Markierung für den Polarkreis auf, um sich in der Umgebung zu verorten.

Begebenheit: “Er” verbringt einen Tag auf Grimsey, allein. Er lässt sich treiben, äußerlich und innerlich. Das Außen dient dem Inneren zu Assoziationen und Flashbacks in die eigene Lebensgeschichte, immer dabei ist der Fotoapparat, der die Erlebnis-Symbole noch einmal mehr hervorhebt.

Möwe im Nordatlantik – irgendwo bei Grimsey ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Symbol: Die toten weißen Möwen überall wecken in ihm vielerlei Gedanken und Gefühle. „Beim Anblick einer tote Möwe packt er beide Riemen seines Rucksacks und registriert, dass er sich wie ein Soldat daran festhält, als dieser scheu einen gefallenen Kameraden erblickt…..“. Auch mit Massengräbern toter Fliegen, ausgerechnet in der Kirche von Grimsey, wird er konfrontiert.

Es hat ein wenig gedauert, bis ich mich im Fluss der Erzählung treiben lassen konnte, mitgehen konnte mit ihm, auf seine innere und äußere Reise in Vergangenheit und Gegenwart. Schacht wechselt so schnell und geschickt Realitäten und Zeitebenen, dass man sich als Leser beinahe darin verliert. Blitzschnell und unmerklich werden da Einblicke in Orte und Lebensabschnitte gewechselt, auf einen Kongress nach Köln, in die Einsamkeit Spitzbergens, in eine blutrote Bucht zur Waljagd Grindadráp auf die Färöer Inseln…..

Ich muss hier leider Ulrich Greiner widersprechen, ich fand es nicht „leicht zu lesen“ (Die Zeit vom 3.12.2015, S.57). Aber sehr interessant und intensiv, der Rhythmus der Sprache bildet ein stabiles Gerüst für die emotionalen Abenteuer, an denen „Er“ uns teilnehmen lässt und einen tiefen Blick in seine Seele gewährt. Die raue Schönheit des hohen Nordens eröffnet sich schließlich auch erst auf den zweiten Blick.

Und irgendwo liegt Grimsey… ©Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

Über den Autor Ulrich Schacht

Geboren 1951, Freiheitsentzug in der DDR als „Staatsfeind“, 1976 in die Bundesrepublik entlassen. Studium der Politischen Wissenschaften und Philosophie in Hamburg, Feuilletonredakteur und Chefreporter für Kultur bei Die Welt und Welt am Sonntag. Seit 1998 lebt Ulrich Schacht als freier Autor in Schweden. Ulrich Schacht erhielt bereits verschiedene Preise und Auszeichnungen. Am 21. April 2016 wird ihm der mit 15.000 Euro dotierte und von der VGH-Stiftung ausgelobte Preis der LiteraTourNord in Hannover verliehen.

Hier geht es zur Autorenseite beim Aufbau-Verlag.

Das Buch wurde mir vom Aufbau Verlag für diese Buchbesprechung zur Verfügung gestellt.

Hier geht es zu weiteren Artikeln zum Thema Reiseliteratur und Island.

© Foto und Texte: Sabine Mey-Gordeyns, travelstories-reiseblog.com

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2 Comments

  • Jutta sagt:

    Liebe Sabine, allein die Bildkomposition und das verheißungsvolle „Island“ wecken in mir schon die große Lust, das Buch zu lesen! Danke für den Buch-Tipp! Jutta

  • Sabine sagt:

    Liebe Jutta,
    ich habe mir vorgestellt, dass Dir dieser Buchtipp gefallen könnte. Viel Vergnügen beim Lesen! Sabine

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